Sie ist klein, schwer und aus dunklem Eichenholz gefertigt. Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar. Doch die vermutlich erste Gildelade der Möltenorter Knochenbruchgilde erzählt eine Geschichte, die weit über ihren äußeren Eindruck hinausgeht – von Gemeinschaft, Gewalt und Vergessen. Neue naturwissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Das Holz der Lade stammt aus der Zeit kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Zudem wurde die Kiste irgendwann gezielt beschädigt – offenbar durch Schüsse und gewaltsame Aufbruchsversuche.

Seit dem 17. Jahrhundert diente eine solche Gildelade als zentraler Aufbewahrungsort für Urkunden, Siegel und Wertgegenstände der damaligen Brand- und Schützengilde. Wie alt die Möltenorter Lade tatsächlich ist, war jedoch lange unklar. Auf Initiative von Gildebruder Anton Eisenhauer wurde sie nun dendrochronologisch untersucht. Dabei wurden die Jahresringe des Eichenholzes gezählt; ergänzend erfolgte eine Isotopenanalyse um die regionale Herkunft des Holzes herauszufinden. Die Untersuchungen wurden in Zusammenarbeit mit der Materialprüfanstalt Lübeck und dem GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel durchgeführt.

Das Ergebnis ist überraschend eindeutig: Das Eichenholz wurde um das Jahr 1676 (± 8 Jahre) gefällt, sehr wahrscheinlich in den Elbmarschen oder im Herzogtum Lauenburg. Die Lade entstand damit nur wenige Jahrzehnte nach der Gründung der Gilde im Jahr 1655 und ist seitdem in Gebrauch – in einer Zeit, die von den Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges, wirtschaftlicher Not und gesellschaftlicher Unsicherheit geprägt war.

Doch die Lade erzählt nicht nur von Ordnung und Zusammenhalt. An Vorder- und Rückseite finden sich mehrere Durchschusskanäle sowie massive Aufbruchspuren. Mindestens drei, möglicherweise vier Schüsse wurden gezielt von vorne abgegeben. Die Größe der Einschussöffnungen passt zu Pistolen oder Karabinern des 17. Jahrhunderts. Zusätzlich zeigen sich deutliche Hebel- und Aufbruchsspuren im Bereich des Schlosses, welches auch gänzlich fehlt.

Gildefeier 1930 - Gildelade und Hans utn Schosteen mit Vogel - Grünes Fotoalbum Ilse von Keitz
Gildelade heute

Besonders brisant: Alte Fotografien belegen, dass diese Beschädigungen erst nach 1930 entstanden sein müssen – deutlich später also, als bislang angenommen. Was genau damals geschah, bleibt offen, da es keinerlei Informationen oder tradierte Erzählungen gibt. Wurde vor, während oder nach der Zeit des Zweiten Weltkriegs versucht, die Lade gewaltsam mit Hilfe von Schußwaffen zu öffnen? War sie Ziel eines Einbruchs, einer Drohgebärde oder bloßer Zerstörung? Und befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch wichtige Dokumente in ihr?

Bekannt ist, dass die Gildelade bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielte. Ein Zeitungsartikel vom 12. und 13. Juni 1894 in der Kieler Zeitung – dem Vorgänger der Kieler Nachrichten – berichtet von der Wiederentdeckung des lange verschollenen handschriftlichen Stammbuchs der Gilde. Es lag verborgen in einem doppelten Boden eines „alten Koffers“. Erst dieser Fund machte das tatsächliche Gründungsjahr 1655 wieder offiziell bekannt.

Allerdings zeigen ältere Schriftquellen, dass das Gründungsjahr offenbar aber nie vollständig in Vergessenheit geraten war. So vermerkte der Altheikendorfer Schulmeister bereits 1832, dass die Gilde seit 176 Jahren bestehe – ein Hinweis, der ebenfalls auf die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückführt. Offenbar existierte das Wissen über die Herkunft der Gilde zumindest in der mündlichen Überlieferung weiter.

Heute ist die alte Gildelade ein stiller Zeuge von mehr als 350 Jahren lokaler Geschichte. Moderne Untersuchungsmethoden haben viele ihrer Geheimnisse gelüftet – doch neue Fragen sind hinzugekommen: Warum wurde die Lade so massiv beschädigt? Wann genau geschah dies? Und weshalb gibt es darüber keinerlei schriftliche oder mündliche Überlieferungen?

Die Möltenorter Knochenbruchgilde hofft nun auf Hinweise aus der Bevölkerung. Wer etwas zur Geschichte der Lade beitragen kann, wird gebeten, sich an die Archivgruppe Heikendorf zu wenden.

Seit 1955 nutzt die Gilde eine neue Lade. Die alte jedoch hat ihren Platz behalten – als Erinnerung daran, dass selbst Holz Geschichten speichert. Man muss nur genau genug hinsehen.

Zu diesem Artikel gibt es einen Artikel im Probsteer vom 6. März 2026 und im Heikendorfer Anzeiger in der Ausgabe vom April 2026.

Archivgruppe Heikendorf

Archivgruppe Heikendorf und Umgebung

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