Heikendorf – Am Freitag, den 22. Mai, fand in Heikendorf die Verlegung von zwei sogenannten Stolpersteinen statt. Die Verlegung wurde als Gemeinschaftsaktion von der Archivgruppe Heikendorf in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Heikendorf durchgeführt.
Stolpersteinverlegung in Heikendorf
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Herr Rindermann schilderte, wie er im vergangenen Jahr bei den Recherchearbeiten zu dem Buch „Heikendorf im Zweiten Weltkrieg“, das erstmals umfassend die lokale Geschichte während der NS-Zeit beleuchtet, auf die beiden Opfer des Nationalsozialismus aufmerksam wurde. Der mittlerweile leider verstorbene Dietmar Dombrowski stellte einen Kontakt zu der Heikendorfer Zeitzeugin Gretchen Stemplewski her, die ebenfalls am 22. Mai anwesend war. Sie teilte während der Arbeit an dem Buch gerne ihr Wissen über die damalige Zeit und das, was man sich später so im Dorf erzählte. So konnte gezielt nach Personen gesucht und in den entsprechenden Archiven und Gedenkstätten angefragt werden.
Was damals geschah, war mit der Zeit in Heikendorf leider völlig in Vergessenheit geraten. Damit dies nicht erneut geschehe, regte Dennis Rindermann kurz nach der Buchveröffentlichung bei Bürgermeister Tade Peetz, der aus gesundheitlichen Gründen leider nicht an der Verlegung teilnehmen konnte, die Verlegung von zwei Stolpersteinen an. Dieser unterstützte das Projekt sehr gerne.
Mit dem Schicksal der beiden Menschen, denen die Stolpersteine gewidmet sind, befasste sich die Klasse 10a der Grund- und Gemeinschaftsschule Heikendorf gemeinsam mit ihrer Lehrkraft Frau Janz. Die Klasse erläuterte den interessierten Bürgerinnen und Bürgern vor Ort im Schulredder 10 zunächst den Leidensweg von Heinz Güldenzoph, der am 23. März 1914 in Heikendorf geboren wurde. Er war der Sohn des Zimmermanns Wilhelm Güldenzoph und dessen Ehefrau Anna, geborene Grube. Die Familie lebte in dem kleinen alten Haus, das vor vier Jahren für den Neubau des Blumengeschäfts Grams abgerissen wurde. Heinz war ein 178 Zentimeter großer, schlanker und friedlicher Mann. Von Beruf war er Landwirt. Sein Vater kämpfte bereits im Ersten Weltkrieg und sein Onkel Heinrich fiel am 17. Juli 1915 durch einen Brustschuss an der Ostfront.
Heinz wurde auf Ersuchen der Gestapo Potsdam vom 16. Februar 1939 festgenommen und am 22. Februar 1939 im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Am 6. April 1940 wurde er in das Konzentrationslager Flossenbürg in Bayern verlegt. Da er dort als sogenannter SAW-Häftling mit der Nummer 2685 geführt wurde, ist anzunehmen, dass er als „wehrunwürdig“ angesehen wurde. Die Wehrmacht nutzte die Konzentrationslager als Disziplinierungsinstrument. Heinz starb am 17. November 1941 um 9.30 Uhr im Alter von 27 Jahren im Krankenbau des Konzentrationslagers Flossenbürg. Als Todesursache wurde Lungentuberkulose angegeben. Ob dies den Tatsachen entspricht und wie es dazu kam, ist unklar. Seine sterblichen Überreste wurden im KZ verbrannt und nach Heikendorf geschickt. Dort fand am 22. Januar 1942 auf dem Friedhof die Beisetzung statt.
Vom Schulredder ging es anschließend in den Blumenweg zum Stolperstein für Helmuth Kurzweg, der am 12. Oktober 1905 in Kiel-Gaarden geboren wurde. Seine Familie lebte damals in dem Haus Nummer 24, wo sich heute das Geschäft Raumausstattung Hoof befindet. Helmuth war ein 175 Zentimeter großer, schlanker Mann und als Arbeiter auf der Kriegsmarinewerft beschäftigt.
Von 1935 bis 1938 befand er sich in der Landesheilanstalt Schleswig-Stadtfeld. Dort wurde „auf Antrag des Kranken und des Direktors vom 11.10.1937“ beschlossen, eine „Unfruchtbarmachung eines Kranken“ vorzunehmen. Das sogenannte Erbgesundheitsgericht in Kiel entschied am 26.10.1937 über diesen Antrag. Die Unfruchtbarmachung wurde am 20. November 1937 im städtischen Krankenhaus in Schleswig durchgeführt. Als Grund für die Unfruchtbarmachung wurde damals Schizophrenie angegeben.
Am 15. Juni 1939 erließ das Amtsgericht Kiel einen Haftbefehl gegen Helmuth wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses durch eine unzüchtige Handlung, die er am 14. Juni 1939 ausgeübt haben soll. Am 23. August 1939 wurde ein Unterbringungsbefehl zur Untersuchungshaft erlassen, in dem es heißt: „Es bestehen dringende Gründe für die Annahme, dass er diese strafbare Handlung in einem Zustande krankhafter Störung der Geistestätigkeit begangen hat, die ihn unfähig machte, das Unerlaubte seiner Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln“ und „die öffentliche Sicherheit erfordert seine einstweilige Unterbringung“.
Die Untersuchungshaft verbrachte er im Gefängnis in Kiel. Am 31. Oktober 1939 wurde er von der Strafkammer I in Kiel zur Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt verurteilt.
Am 21. November 1939 erfolgte ein Ersuchen der Oberstaatsanwaltschaft zur Unterbringung in der Landesheilanstalt Neustadt i.H. In dem Brief heißt es: „Kurzweg ist unzurechnungsfähig im Sinne des § 51 Abs. I StGB.“ Helmuth wurde am 28. November 1939 in die Landesheilanstalt Neustadt i.H. überführt.
Am 20. Mai 1941 wurde er im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ zusammen mit 139 weiteren Menschen am frühen Morgen an der Rampe auf dem Neustädter Anstaltsgelände in einen Sonderzug der Deutschen Reichsbahn verladen und direkt nach Bernburg an der Saale gefahren. Mit Bussen der Gemeinnützigen Kranken-Transport-GmbH (GeKraT) wurden sie in die Tötungsanstalt Bernburg gebracht. Möglichkeiten zur Unterbringung gab es dort nicht. Die Kranken wurden sofort registriert, fotografiert und in Gruppen von 60 bis 70 Personen in die Gaskammer geführt. In einem Nebenraum verbrannten „Leichenbrenner“ die Toten in zwei mit Koks betriebenen Öfen.
Die Patientenakte von Helmuth wurde per Kurier von Bernburg aus in die Tötungsanstalt Hadamar in Hessen verschickt. Dort wurde ein Trostbrief mit falschen Angaben über die Todesumstände verfasst und das Todesdatum gefälscht. Aus diesem Grund befindet sich im Heikendorfer Kirchenbuch der Eintrag mit dem Todesdatum 09.06.1941 und dem Todesort Hadamar in Hessen. Den Angehörigen wurde eine Urne zugeschickt, die am 3. Juli 1941 in Heikendorf im Familiengrab beigesetzt wurde. Die Anstalt verschickte jedoch nicht die Asche der Ermordeten.
Zum Ende der Stolpersteinverlegung sprach die Bürgervorsteherin der Gemeinde Heikendorf, Nicola Specker, und bedankte sich bei allen Beteiligten sowie bei Dennis Rindermann von der Archivgruppe Heikendorf für sein Engagement.
Abschließend bedankte sich Herr Rindermann bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie bei der 10a für ihre Mühe. Er verkündete außerdem, dass es noch zwei weitere Stolpersteine in Heikendorf geben werde.




